Adolf Steinschneider in Paris – juristischer Widerstand im Spiegel der Seine #1

Zufällig führte ihn sein Spaziergang entlang der Seine.
 
Der Tag neigte sich allmählich und schon kämpfte ein feiner Dunst gegen die letzten, mühsam wärmenden Strahlen der Wintersonne.
 
Die vergangenen Tage waren für den Rechtsanwalt Adolf Steinschneider trotz seiner prekären Lage im Pariser Exil an der Oberfläche so ruhig, dass es wirkte, als habe die Welt dem seit 1933 klaffenden Abgrund doch noch ein kleines Stück entkommen können.
 
Die Zurufe der Zeitungsjungen, die über den Quai fluteten, prallten an ihm ab wie ein Echo an einer Alpinwand. In seinen Gedanken hallte vermutlich einer seiner spitzesten Plädoyers als Ausdruck einer optimistischeren Vergangenheit wider:

„Mag die öffentliche Meinung sich für oder gegen den Angeklagten aussprechen, ich […] beantrage die Freisprechung […]. Wenn Sie aber dem Standpunkt der Staatsanwaltschaft folgen wollen, so denken Sie daran, daß bei einer gerechten Schuldverteilung von den beantragten 9 Jahren Gefängnis 8 Jahre verteilt werden müßten auf die Zeugen, welche dort auf der Zeugenbank sitzen.“
 
Vielleicht regte der Anblick der utopischen Architektur des Eiffelturms auch die Erinnerung an eine andere, seine verlorene Utopie an. Jene Vision, die sein Sein in der Weimarer Republik beseelt hatte. Seine Kanzlei am Frankfurter Untermainkai sollte ein Laboratorium für neue Formen des Zusammenlebens werden. In Paris jedoch war er zu einer prekären Überlebensstrategie gezwungen. Die Versuche, als juristischer Gutachter, Handwerker oder Handelsvertreter seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, trugen höchstens für kurze Zeit Früchte.
 
Der Blick auf die Gischt, die sich an den Pfeilern der ewigen Zeitzeugin Pont Neuf brach, ließ ihn noch nicht ahnen, dass er weder zu den glücklichen Exilanten gehörte, die das Tor nach Lissabon Richtung transatlantischer Freiheit durchschreiten würden, noch dass sein Widerstand gegen das NS-Regime ihn eines Tages in den gewaltsamen Tod führen würde, den dessen besinnungslose Schergen für ihn bereithielten.
 
Für den unbeteiligten Beobachter aber war Adolf Steinschneider an diesem Tag nur ein Teil der dumpfen Masse der sonntäglichen Müßiggänger. Ein leiser Schatten, der sich kaum von den leprösen Begrenzungsmauern der Seine unterschied.