Es ist ein schönes Rechercheglück, wenn sich für einen kleinen Beitrag über eine historische Figur ein großer Chor zeitgenössischer Stimmen findet.
Im Falle dieser Person sind es keine geringeren als Heinrich Mann und Kurt Tucholsky, die ihm literarisch das letzte Geleit sangen.
Mann schrieb, Kurt Eisners Regierung habe „mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher“. Und Tucholsky, in poetischer Verdichtung, stellte ihm das denkbar kürzeste, vielleicht treffendste Zeugnis aus: „Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte // und tatenkräftig war. // In Deutschland ist das tödlich.“
Heute vor einer Woche und 107 Jahren wurde der erste Ministerpräsident Bayerns und Begründer des Freistaats („Bayern ist fortan ein Freistaat“) Kurt Eisner in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße erschossen.
Eisner vollbrachte das in der Tat bemerkenswerte Kunststück, als Intellektueller, als Berliner und als Jude im erzkatholischen Bayern große Teile der Münchner Bevölkerung für eine pazifistische, demokratische und humanitäre Politik zu gewinnen („Jedes Menschenleben soll heilig sein“).
Neben der Schwabinger Bohème, Autorinnen und Autoren wie Oskar Maria Graf, den Anfangsjahren der Zeitschrift Jugend (übrigens namensgebend für den Jugendstil) und dem Kreis des Blauen Reiters ist Eisner Gallionsfigur für ein München, das sich als Labor progressiver und sozialer Ideen verstand. Ein München, dass sein Heil nicht in Law & Order (Mehr Polizei! Mehr Kameras! Weniger Sozialetat! Bitte, bitte mehr Repression!) sucht, sondern in Progressivität und sozialem Ausgleich.
Vielleicht sollte man sich auch im aktuellen Wettlauf um das Rathaus an dieses München erinnern. Ein Wahlkampf, in dem mich von jeder Ecke eine Brille und interessante Substantivierungen anstarren („Brillenträger.“ fehlt dort eigentlich), in dem ein Fraktionsvorsitzender hinsichtlich einer „Verbesserung“ der Sicherheitslage in München äußert: „Ohne Repression wird das nicht gehen.“.
New York City hat Mamdani, die Weltstadt München: Nun ja, wir werden sehen.
Wer am Wochenende die Sonnenstrahlen nutzt und durch die Kardinal-Faulhaber-Straße schlendert, kann zumindest seinen/ihren Blick einen Moment über den Boden schweifen lassen. Vielleicht findet in diesem Moment der ein oder andere erhellende Gedanke für die anstehende Wahl aus der Geschichte den Weg in die Gegenwart.
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Euer „Beitragsverfasser.“